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Deep Dive Serie: Der Vaquita – Ein letzter Funke Hoffnung für das seltenste Meeressäugetier der Welt? (Teil 1)

  • Patricia Plunder
  • 1. Juli
  • 9 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Aug.

Vaquita

Von Patricia Plunder


Ahoi, du neugieriger Meeresenthusiast und zukünftiger Artenschützer! Zieh die Rettungsweste an, denn es wird stürmisch – zumindest emotional. Heute tauchen wir nicht nur tief, sondern wir tauchen in eine Geschichte ein, die so herzzerreißend ist, dass selbst der abgebrühteste Seebär ein Tränchen verdrücken könnte. Wir hissen die Segel für unsere brandneue Deep Dive Serie, und diesmal geht es um ein Wesen, das so selten und mysteriös ist, dass es fast schon ins Reich der Legenden gehört. Leider ist es aber bitterernste Realität.


Schnall dich an für:


Deep Dive Serie: "Der Vaquita – Ein letzter Funke Hoffnung für das seltenste Meeressäugetier der Welt?"



Thema: Die dramatische Situation des Vaquita-Schweinswals im Golf von Kalifornien und die verzweifelten Bemühungen, ihn vor dem Aussterben zu bewahren.


Warum spannend & positiv (mit Einschränkung)? Ein Wettlauf gegen die Zeit. Zeigt die Komplexität von Artenschutz, die Verflechtung mit illegaler Fischerei und sozialen Problemen, aber auch den unermüdlichen Einsatz von Wissenschaftlern und Naturschützern. Der "positive" Aspekt liegt im Kampfgeist und der Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen, auch wenn die Lage düster ist.


Und ja, wir wissen, was du jetzt denkst: "Ocean Tribune, ihr wollt doch sonst immer Krawall gegen die Ignoranz machen und seid für eure humorige Klappe bekannt. Wie passt das zu so einem ernsten Thema?" Ganz einfach: Humor ist manchmal der Rettungsanker, um nicht völlig im Meer der Verzweiflung zu versinken. Und ein bisschen Krawall gegen die Umstände, die dieses einzigartige Tier an den Rand des Abgrunds gebracht haben, ist hier mehr als angebracht. Also, genug der Vorrede, lichte den Anker für ...


Teil 1: Das Phantom der Cortes-See – Wer oder was ist der Vaquita?


Stell dir vor, es gibt ein Tier, das so unglaublich scheu und selten ist, dass die meisten Menschen noch nie davon gehört haben, geschweige denn eines zu Gesicht bekommen haben. Ein Tier, das in einem winzigen, abgelegenen Winkel unserer riesigen Ozeane lebt und dessen Existenz an einem seidenen Faden hängt, der dünner ist als das dünnste Anglergarn. Ladies and Gentlemen, dürfen wir vorstellen: Phocoena sinus, besser bekannt als der Vaquita.


"Vaquita," fragst du? Das ist Spanisch und bedeutet so viel wie "kleine Kuh". Ein etwas putziger Name für ein Meeressäugetier, findest du nicht? Aber er hat eine gewisse Logik, denn Vaquitas gehören zur Familie der Schweinswale, und die sind ja bekanntlich eher rundlich und kompakt gebaut, ein bisschen wie kleine, schwimmende Kälbchen eben. Aber lass dich vom niedlichen Namen nicht täuschen:


Der Vaquita ist das kleinste und gleichzeitig das am stärksten bedrohte Wal-artige Wesen (Cetacee) auf diesem Planeten.

Und wenn wir "am stärksten bedroht" sagen, dann meinen wir nicht "ach, es gibt nur noch ein paar Tausend". Wir meinen, es gibt so wenige, dass du sie wahrscheinlich an den Fingern von zwei Händen abzählen kannst – wenn du Glück hast. Dazu später mehr, versprochen (oder eher: angedroht).



Ein Steckbrief des fast Unsichtbaren


Also, wer ist dieses Phantom genauer? Stell dir das kleinste Wal-artige Wesen vor, das du dir überhaupt nur ausdenken kannst. Ein Wesen, das ausgewachsen kaum die 1,50 Meter knackt und selten mehr als 55 Kilogramm auf die Waage bringt – also nicht viel größer als ein gut genährter Teenager, nur eben deutlich stromlinienförmiger und mit mehr Flossen. Seine Haut ist meist grau, auf dem Rücken etwas dunkler, zum Bauch hin heller werdend. Aber das wirklich Charakteristische, das, was ihn unverwechselbar macht (wenn man denn mal einen sieht), sind die dunklen Ringe um seine Augen, die ihn ein bisschen so aussehen lassen, als hätte er die letzte Nacht durchgemacht oder wäre ein großer Fan von Smokey Eyes. Dazu kommen dunkle Flecken um seine Lippen, die ihm eine Art permanenten Schmollmund verpassen. Eine echte Diva, dieser kleine Kerl!


Im Gegensatz zu seinen bekannteren Cousins, den Delfinen, haben Vaquitas (wie alle Schweinswale) keine ausgeprägte Schnauze, sondern einen eher abgerundeten Kopf. Und sie sind auch keine großen Showmaster. Während Delfine oft für ihre Sprünge und ihr geselliges Wesen bekannt sind, sind Vaquitas die Ninjas der Meere.


Sie sind extrem scheu, meiden Boote und tauchen meist nur kurz und unauffällig auf, um Luft zu holen, bevor sie wieder in den trüben Tiefen verschwinden.

Dieses Verhalten hat ihnen lange Zeit geholfen, unentdeckt zu bleiben, macht es aber heute umso schwerer, sie zu studieren und vor allem zu zählen. Du kannst dir vorstellen, wie frustrierend das für Wissenschaftler sein muss: Du versuchst, eine Tierart zu retten, die sich benimmt, als wäre sie im Zeugenschutzprogramm.



Ein Zuhause in der Wüste unter Wasser: Der Golf von Kalifornien


Jedes Lebewesen hat seinen Platz auf dieser Welt, und der des Vaquitas ist ein ganz besonderer – und leider auch ein sehr begrenzter. Er lebt ausschließlich im nördlichsten Teil des Golfs von Kalifornien, auch bekannt als Cortes-See, einer langgestreckten Meeresbucht, die Mexiko von der Halbinsel Baja California trennt. Und wenn wir sagen "nördlichster Teil", dann meinen wir das auch so. Sein Verbreitungsgebiet ist winzig, eines der kleinsten aller Meeressäuger. Es beschränkt sich auf die flachen, oft trüben Küstengewässer am Delta des Colorado Rivers.


Der Golf von Kalifornien selbst ist eigentlich ein Hotspot der Biodiversität, ein UNESCO-Welterbe, das vor Leben nur so strotzt – oder strotzen sollte. Er wird oft als "Aquarium der Welt" bezeichnet. Hier tummeln sich Wale, Delfine, Seelöwen, unzählige Fischarten und eben auch, oder besser gesagt, eigentlich auch, der Vaquita. Warum er sich ausgerechnet diesen kleinen Fleck ausgesucht hat, ist nicht bis ins letzte Detail geklärt, aber es hat vermutlich mit den spezifischen Nahrungsangeboten und den Umweltbedingungen zu tun, an die er sich im Laufe der Evolution angepasst hat. Er frisst kleine Fische, Tintenfische und Krebstiere, die er in den flachen, nährstoffreichen Gewässern findet.


Dass sein Lebensraum so winzig ist, macht ihn natürlich extrem anfällig.


Wenn in diesem kleinen Gebiet etwas schiefläuft, hat der Vaquita keine Ausweichmöglichkeit, keine zweite Heimat, in die er fliehen könnte.

Er ist ein echter Endemit, ein Spezialist für diesen einen Ort. Und genau das wird ihm jetzt zum Verhängnis.



Eine späte Entdeckung, ein schneller Niedergang: Die traurige Geschichte


Man könnte meinen, so ein einzigartiges Tier wäre schon seit Jahrhunderten bekannt. Aber Pustekuchen! Der Vaquita ist wissenschaftlich gesehen ein echter Spätzünder. Erst 1950 wurden die ersten Schädel an den Stränden des Golfs von Kalifornien gefunden, die auf eine bis dahin unbekannte Schweinswalart hindeuteten. Und es dauerte bis 1958, bis die Art von den Wissenschaftlern Kenneth S. Norris und William N. McFarland offiziell beschrieben und benannt wurde: Phocoena sinus – der "Schweinswal aus der Bucht".


Stell dir das mal vor: Mitten im 20. Jahrhundert, in einer Zeit, in der die Menschheit schon den Weltraum eroberte, wurde quasi vor der Haustür eines gut erforschten Landes noch ein neues Meeressäugetier entdeckt! Das zeigt, wie verborgen diese Tiere lebten und wie wenig wir oft über unsere eigenen Meere wissen.


In den ersten Jahrzehnten nach seiner Entdeckung machte man sich noch keine allzu großen Sorgen um den Vaquita. Man wusste, dass er selten war, aber die genaue Populationsgröße war unbekannt, und die Bedrohungen schienen überschaubar. Er war einfach da, ein weiterer kleiner Bewohner des reichen Golfs. Doch dann begann eine Entwicklung, die sich als katastrophal erweisen sollte. Der Vaquita geriet unbemerkt in eine Abwärtsspirale, die bis heute andauert.


Die ersten Anzeichen, dass etwas nicht stimmte, kamen in den 1980er und frühen 1990er Jahren auf. Fischer berichteten immer häufiger von kleinen Schweinswalen, die sich als Beifang in ihren Netzen verfingen. Zuerst waren es Netze für Garnelen, später für verschiedene Fischarten und schließlich – und das ist der traurige Hauptakteur in diesem Drama, zu dem wir in Teil 2 noch ausführlich kommen werden – für einen anderen, ebenfalls bedrohten Fisch namens Totoaba.


Die Zahlen sind erschreckend und sprechen eine deutliche Sprache des Versagens:


  • Mitte der 1990er Jahre schätzte man die Population noch auf etwa 500 - 600 Individuen (z.B. CIRVA I Report, 1997). Das klingt schon nicht nach viel, war aber noch eine halbwegs stabile Zahl.

  • Bis 2008 war diese Zahl bereits auf rund 245 Tiere gesunken (CIRVA III Report, 2008).

  • 2015/2016 dann der Schock: Es waren vermutlich weniger als 60 Vaquitas übrig (CIRVA V Report, 2016).

  • Die aktuellsten Schätzungen, basierend auf akustischem Monitoring und Sichtungen (die immer seltener werden), gehen davon aus, dass heute wahrscheinlich weniger als 10, vielleicht sogar nur noch eine Handvoll Vaquitas existieren. Die Internationale Walfangkommission (IWC) und die IUCN (International Union for Conservation ofNature) listen den Vaquita als "Critically Endangered" – die höchste Alarmstufe vor dem Aussterben in freier Wildbahn.


Dieser Niedergang ist einer der schnellsten, die je bei einer Meeressäugerart dokumentiert wurden. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde aus einem zwar seltenen, aber noch existenten Tier ein Geist, ein Phantom, das kurz davorsteht, für immer von der Bildfläche unseres Planeten zu verschwinden.



Warum so selten? Warum so schwer zu schützen?


Die Frage drängt sich auf: Warum gerade der Vaquita? Warum ist er so extrem selten geworden und warum tun sich die Menschen so unglaublich schwer damit, ihn zu retten? Die Antwort ist, wie so oft im Naturschutz, komplex und vielschichtig.


  1. Seine Natur ist ihm im Weg: Wir haben es schon erwähnt – der Vaquita ist von Natur aus scheu und lebt zurückgezogen. Das macht es extrem schwierig, verlässliche Daten über ihn zu sammeln. Wie viele gibt es genau? Wo halten sie sich wann auf? Wie pflanzen sie sich fort? Viele dieser grundlegenden Fragen sind bis heute nicht vollständig beantwortet, einfach weil die Tiere so schwer zu fassen sind. Ohne genaue Daten sind Schutzmaßnahmen aber oft ein Stochern im Nebel.

  2. Klein, aber oho (anfällig): Eine kleine Population ist per se schon ein Risiko. Jedes einzelne Tier, das verloren geht, hat einen viel größeren Einfluss auf das Überleben der Art als bei einer Population von Tausenden. Genetische Vielfalt geht verloren, die Anfälligkeit für Krankheiten oder unvorhergesehene Ereignisse steigt. Bei weniger als zehn verbliebenen Individuen ist die genetische Basis vermutlich schon so dünn, dass selbst ohne äußere Bedrohungen die langfristige Überlebensfähigkeit fraglich wäre.

  3. Kein Entkommen: Sein winziges Verbreitungsgebiet im nördlichen Golf von Kalifornien bedeutet, dass er den Bedrohungen in dieser Region nicht ausweichen kann. Wenn sein Zuhause zur Todesfalle wird, gibt es keinen Plan B.

  4. Die eine, alles überschattende Bedrohung: Und damit sind wir beim Kern des Problems, das uns in Teil 2 ausführlich beschäftigen wird: Der Vaquita stirbt fast ausschließlich als Beifang in illegalen Kiemennetzen, die für eine andere Art, den Totoaba-Fisch, ausgelegt werden. Diese Netze sind für ihn unsichtbare Wände des Todes. Er schwimmt hinein, verfängt sich und ertrinkt. Es ist ein qualvoller und absolut sinnloser Tod für ein Tier, das gar nicht das Ziel der Fischer ist.

  5. Sozioökonomische Fallstricke: Der Schutz des Vaquitas ist untrennbar verbunden mit den Lebensumständen der lokalen Fischergemeinden, mit Armut, mangelnden Alternativen und dem lukrativen Geschäft der organisierten Kriminalität, die hinter dem illegalen Totoaba-Handel steckt. Einfache Verbote reichen hier nicht aus, wenn die Menschen keine andere Möglichkeit sehen, ihre Familien zu ernähren, oder wenn sie von kriminellen Kartellen unter Druck gesetzt werden.


Du siehst, es ist ein Teufelskreis. Die Biologie und das Verhalten des Vaquitas machen ihn schwer fassbar, seine kleine Population und sein begrenzter Lebensraum machen ihn extrem verwundbar, und die menschengemachten Bedrohungen, insbesondere die Fischerei, sind so überwältigend und komplex, dass bisherige Schutzbemühungen oft ins Leere liefen oder einfach nicht ausreichten.



Ein düsterer Ausblick, aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende ...


Puh, das war jetzt eine ordentliche Portion harter Tobak, oder? Wir haben das Phantom der Cortes-See kennengelernt, seine Eigenheiten, seine traurige Geschichte und die Gründe für seine katastrophale Situation. Es ist leicht, an diesem Punkt den Kopf in den Sand (oder besser: den Schlick des Golfs) zu stecken und zu denken, das sei alles hoffnungslos.


Aber wir wären nicht die Ocean Tribune, wenn wir nicht auch versuchen würden, die Mechanismen dahinter zu verstehen und vielleicht, ganz vielleicht, doch noch einen winzigen Funken Hoffnung zu finden – oder zumindest Lehren für die Zukunft zu ziehen.


Im nächsten Teil unserer Serie, "Teil 2: Gefangen im Netz der Gier – Die tödliche Bedrohung durch die Totoaba-Fischerei", werden wir uns das Hauptproblem genauer ansehen: den fatalen Zusammenhang zwischen dem Vaquita und dem illegalen Fang eines Fisches, dessen Schwimmblase auf dem Schwarzmarkt in Asien Gold wert ist. Es wird eine Geschichte über Gier, Verzweiflung und die dunklen Seiten des internationalen Wildtierhandels.


Bis dahin: Halte die Ohren steif und die Augen offen für die unsichtbaren Wunder unserer Meere. Und vielleicht denkst du mal kurz an die "kleine Kuh", die verzweifelt um ihr Überleben kämpft.


Deine Möwen-Crew



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